January – Meeting in Bucharest

(the following article was published after our meeting in Bucharest in a german newspaper)

Die Verdrängung bleibt

Geschichte Rumänien stellt sich nur zögernd seiner Mitverantwortung für den Holocaust

Vor zehn Jahren bekannte sich erstmals eine rumänische Regierung zu Rumäniens Mittäterschaft am Holocaust. Gegen die Auseinandersetzung mit der Shoah gibt es aber immer noch eine Abwehrhaltung, und revisionistische Bestrebungen sind nach wie vor spürbar. Unmittelbar nach dem Umbruch der Jahre 1989/90 begann in Rumänien die seit längerem schlummernde Verherrlichung des ehemaligen Militärdiktators Ion Antonescu. Unter ihm war Rumänien ein enger Verbündeter Nazideutschlands und ab Sommer 1941 am Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion beteiligt.

Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten in Rumänien etwa 780.000 Jüdinnen und Juden. Weniger als die Hälfte von ihnen überlebte den Krieg. In den Jahren 1940 bis 1944 wurden durch die rumänische militärische und zivile Verwaltung 280.000 bis 380.000 Jüdinnen und Juden rumänischer und ukrainischer Nationalität sowie 11.000 Roma entrechtet, verfolgt und ermordet.

Antijüdische Ressentiments und Demonstrationen gab es in Rumänien bereits in den 1920er Jahren. Es folgten in den 1930er Jahren antisemitische Gesetze, die die jüdische Bevölkerung schrittweise aus dem gesellschaftlichen Leben ausgrenzten. Ab 1940 kam es zu Pogromen, Verfolgung, Deportation und Vernichtung. Während des Aufstands der faschistischen und antisemitischen Garda de Fier (Eisernen Garde) im Januar 1941 wurden etwa 120 Bukarester Jüdinnen und Juden im Rahmen von Pogromen ermordet. Die Leichname zahlreicher jüdischer BürgerInnen wurden im Schlachthaus in Bukarest aufgehängt.

Dem Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 folgten Massaker in Bessarabien, der Nordbukowina und in dem von rumänischen und deutschen Truppen besetzten Odessa. Zeitgleich begann die Deportation der jüdischen Bevölkerung aus diesen Regionen nach Transnistrien, einem Gebiet zwischen den Flüssen Denjestr und Bug, das von 1941 bis 1944 unter rumänischer Verwaltung stand. In Transnistrien wurden an über 170 Orten Arbeitslager und Ghettos errichtet. 1944 stürzte die Opposition mit Unterstützung des Königs Michael I. den Diktator Antonescu. Rumänien trat auf die Seite der Alliierten. Ein Jahr nach Kriegsende wurde Antonescu zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Kult mit dem Diktator

Seit 1989 wurden in zahlreichen Städten Straßen nach Antonescu und weiteren Kriegsverbrechern benannt, Denkmäler errichtet und in Kirchen Wandgemälde mit dem ehemaligen Militärdiktator angebracht. Neben Antonescu wurde auch die faschistische Garda de Fier und ihr 1938 hingerichteter Führer Corneliu Codreanu aufgewertet. Ion Antonescu wurde zum Kämpfer gegen den Bolschewismus und für die Unabhängigkeit Rumäniens stilisiert und eine juristische Rehabilitierungskampagne eingeleitet. Nicht selten schob man die Verantwortung allein auf die deutschen oder ungarischen Truppen, und es wurde sogar behauptet, Antonescu habe die Juden vor dem Vernichtungswahn der Deutschen, Ungarn und Polen geschützt. Zwar setzte nach 1989 auch eine intensivere kritische Forschung ein, diese aber fand außerhalb enger Fachkreise wenig Aufmerksamkeit. (1)

Die Geschichtsmythen wurden nicht nur von rechtsradikalen Gruppierungen verbreitet, sondern zogen sich fast durch die gesamte politische Landschaft. Auch die christlich-orthodoxe Kirche griff diese Mythen auf. Anlässlich des Jahrestages von Antonescus Hinrichtung fanden unter den Staatspräsidenten Ion Iliescu (1991) und Emil Constantinescu (1999) Feierstunden im Parlament statt.

Eine Wende im offiziellen Erinnerungsdiskurs

Mit den Verhandlungen über die Integration Rumäniens in die NATO und die EU begann ab 2000 eine Wende im Erinnerungsdiskurs und in der Aufarbeitung der rumänischen Geschichte. Schrittweise wurden Antonescu-Denkmäler entfernt und Straßen wieder umbenannt, häufig unter öffentlichem Protest. 2002 erließ die Regierung eine Verordnung, die die Holocaustleugnung und die Gründung rassistischer, fremdenfeindlicher und faschistischer Organisationen unter Strafe stellte; sie wurde 2006 als Gesetz ratifiziert. 2004 benannte Staatspräsident Iliescu eine Internationale Expertenkommission zur Erforschung des rumänischen Holocaust unter Vorsitz von Elie Wiesel, dem Friedensnobelpreisträger und Überlebenden der Lager Auschwitz und Buchenwald.

Iliescu reagierte damit auf internationale Proteste, die 2003 durch eine Presseerklärung der rumänischen Regierung hervorgerufen wurden. In dieser wurde die Zusammenarbeit zwischen dem Washington Holocaust Museum und dem rumänischen Nationalarchiv angekündigt und gleichzeitig behauptet, »dass in den Grenzen Rumäniens von 1940 bis 1945 kein Holocaust stattgefunden hat«. Ende 2004 legte die Internationale Expertenkommission ihre Ergebnisse in einem Final Report vor. (2) Darin arbeitete sie die militärische und zivile Verantwortung Rumäniens für den Holocaust heraus.

Mit der Veröffentlichung des Final Report bekannte sich erstmals, fast 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, eine rumänische Regierung offiziell zur rumänischen Verantwortung für den Holocaust. Die Kommission schloss ihren Bericht mit zahlreichen Vorgaben, die in den letzten zehn Jahren von der Regierung umgesetzt wurden. Darunter fällt unter anderem die Einführung eines Holocaust-Gedenktages, der seit 2004 begangen wird. 2005 nahm das Institut zur Erforschung des Holocaust in Rumänien die Arbeit auf, das Institutul National pentru Studierea Holocaustului din Romania Elie Wiesel (INSHR Elie Wiesel). Das Thema wurde auch in die Lehrpläne der staatlichen Schulen aufgenommen.

Auch die Errichtung eines zentralen Holocaust-Denkmals wurde beschlossen. Es wurde nach dem Entwurf des aus Rumänien stammenden deutschen Künstlers Peter Jacobi gebaut und 2009 in Bukarest eingeweiht. Es ist ein Ensemble, das an Jüdinnen und Juden sowie Roma erinnern soll, die in der Zeit von 1940 bis 1944 entrechtet, misshandelt, deportiert und ermordet wurden. Es besteht aus einem Gedenkgebäude, zu dem man hinabsteigt. Rechts und links vom Eingang sind entweihte Grabsteine aus Odessa und von einem Bukarester jüdischen Friedhof ausgestellt.

Das Holocaust-Denkmal steht an einem in doppelter Hinsicht historischen Ort. Einerseits gegenüber dem ehemaligen Innenministerium, dem Ort, an dem die Verfolgung und Vernichtung der Juden und Roma geplant und umgesetzt wurde. Und andererseits befindet sich auf der gegenüberliegenden Flussseite die Mihai-Voda-Kirche, in der bis vor einigen Jahren eine Wandmalerei mit Antonescu zu sehen war.

Dennoch hält sich ein von Verdrängung und Halbwissen geprägtes Bild über den Holocaust in Rumänien. Auch revisionistische, relativistische und zum Teil negationistische Positionen sind weiterhin zu vernehmen. Umfragen des Instituts zufolge wissen 69 Prozent der RumänInnen vom Holocaust, aber nur 32 Prozent ist bekannt, dass der Holocaust auch in Rumänien stattgefunden hat. Diese Ergebnisse verwundern kaum, wenn man bedenkt, dass bis dato der Holocaust im Nationalen Geschichtsmuseum in Bukarest nicht thematisiert wird und auch beim Holocaust Denkmal weiterführende Informationen fehlen. Ein 38jähriger Bukarester Künstler äußerte über das Denkmal, es sei vor allem dazu da, »die EU zu besänftigen«. Rumänien ist seit 2007 EU-Mitglied.

Bildung gegen Geschichtsklitterung

So überraschte es kaum, dass am Morgen des 21. Januar 2014 – dem 73. Jahrestages des Bukarester Pogroms – niemand am Holocaust-Denkmal an die Opfer erinnerte. Die jüdische Gemeinde gedachte an diesem Tag der etwa 120 Opfer auf dem von Industriebrache und Wohnblöcken umgebenen jüdischen Friedhof im Stadtteil Giurgiului. Die Gedenkveranstaltung fand im engen Kreis der jüdischen Gemeinde statt, und auch beim Symposium am Nachmittag fehlte die breite Öffentlichkeit.

Bildung gegen Geschichtsklitterung betreibt das INSHR Elie Wiesel seit einigen Jahren. Ein großes Problem bei der kritischen Auseinandersetzung mit der jüngsten Vergangenheit sieht Elisabeth Ungureanu vom INSHR Elie Wiesel insbesondere im fehlenden Wissen der Geschichts- und SozialkundelehrerInnen. Deshalb organisiert das Institut Workshops für Studierende, aber auch für Lehrende. In den letzten zwei Jahren sind zwar neue Lehrbücher entwickelt worden, aber das Thema ist nach wie vor nur als Wahlfach im Lehrplan verankert.

In jährlichen Sommerschulen des Instituts erfolgt eine kreative Auseinandersetzung mit der Verfolgung der Juden und anderer Minderheiten in Rumänien. Die künstlerischen Arbeiten sind im INSHR Elie Wiesel ausgestellt und wurden bereits in verschiedenen rumänischen Städten gezeigt. Damit wollen die MitarbeiterInnen auch außerhalb von Bukarest Impulse setzen. Ein teilnehmender Künstler berichtet: »Mein Abitur habe ich in Deutschland gemacht, da war der rumänische Holocaust kein Thema. Das erste Mal habe ich 2010 bei einer Veranstaltung des INSHR Elie Wiesel davon erfahren.«

Gegen Geschichtsrevisionismus und Bagatellisierung wenden sich gegenwärtig mehr Menschen als noch vor zehn Jahren. Aber leider reagieren Abgeordnete und die Regierung häufig nur auf internationale Proteste. So zum Beispiel im Dezember 2013, als der staatliche Kanal TV3 ein Live-Konzert des Chors Dor Transilvan ausstrahlte, in dem offen antisemitischen Sätze zu hören waren: »Sie gebar einen schönen Sohn / nämlich Jesus Christus, / Jeder betet ihn an, / Nur die Juden murrten. / Verdammte Jids / ertragen nicht den Heiligen / Weder im Himmel noch auf Erden. / Nur im Schornstein, im Rauch, / Dort ist der Jid gut / Soll so Rauch ausgehen.«

Mit künstlerischen Interventionen reagieren einige BukaresterInnen auf die Zunahme faschistischer Symbole im öffentlichen Raum und auf die Kultivierung von Geschichtsmythen in der fremdenfeindlichen politischen Praxis verschiedener Organisationen, Parteien und Publikationen. Auch den anhaltenden Versuchen, ehemalige Kriegsverbrecher oder bewaffnete Antikommunisten der Nachkriegszeit zu rehabilitieren, treten WissenschaftlerInnen und AktivistInnen durch historische Forschung und Bildungsarbeit entgegen. Dr. Alexandru Florian vom INSHR Elie Wiesel wird nicht müde, darauf aufmerksam zu machen, dass die bewaffneten Kämpfer gegen den Kommunismus häufig Verfechter einer nationalistisch-totalitären Diktatur waren.

In den Museen ist der Holocaust kein Thema

Während unseres Aufenthalts in Bukarest wurde deutlich, dass man nach Informationen und GesprächspartnerInnen suchen muss, wenn man sich mit den Verbrechen unter dem faschistischen Militärdiktator Ion Antonescu beschäftigt. Weder im Nationalen Geschichtsmuseum noch im Militärisch-Historischen Museum werden die Kriegsverbrechen und Massaker thematisiert. Lediglich in der Sinagoge Mare (Großen Synagoge) kann man eine selbstgemachte, auf Stellwänden angebrachte Ausstellung über den Holocaust in Rumänien besichtigen.

Hier werden auch die Biographien einiger mutiger Frauen und Männer vorgestellt, die zwischen 1940 und 1944 auf unterschiedliche Weise die jüdische Bevölkerung unterstützten und von der Gedenkstätte Yad Vashem als Gerechte unter den Völkern geehrt werden. Die Große Synagoge ist eine von drei erhaltenen Synagogen in Bukarest, einst gab es etwa 100. Die meisten sind während der radikalen Neugestaltung unter Ceaucescu in den 1980er Jahren zerstört worden. An ihre Existenz erinnert heute nichts mehr. Wo sie standen, sieht man heute erinnerungslose Orte wie Fitness- und Einkaufszentren, Parkplätze oder Wohngebiete.

Isabel ist Mitglied der gedenkpolitischen Initiative Third Generation Buchenwald. Der Artikel entstand nach einer Bukarest-Reise der Initiative im Januar 2014.
Anmerkungen:
1) Dossier »Der Fall Antonescu« von William Totok unter http://www.halbjahresschrift.homepage.t-online.de/ion.htm.
2) Auf Englisch und Rumänisch abrufbar unter http://www.inshr-ew.ro/en/wiesel-report.
the article was published in ak – analyse & kritik – zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 593 / 15.4.2014
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